Hands on zur momentan wohl für Fotografen spannendsten Kamera auf dem Markt.
Das damalige Auftauchen der Nikon D800 mit ihrem zu der Zeit einzigartigen 36-Megapixel-Sensor beschreibe ich gern als das Explodieren einer Bombe, da die Kamera den Markt gehörig durchgewirbelt und allen Konkurrenten einen Schlag ins Gesicht verpasst hat. Bleibt man bei diesem Bild, dann kann man sich leicht ausmalen, dass die Bombe auf feindlichem Gebiet hochgegangen ist.
Mit schweren Geschützen wird inzwischen zurück geschossen. So hat Canon die 5DS und 5DSR auf den Markt geworfen, deren schlagendes Argument ein 50-Megapixel-Sensor ist. Aber auch Sony schießt zurück. Und zwar verdammt scharf.
Mittels Raketenstart knüppelte der Hersteller (Zeitraum von der Ankündigung zum Produktlaunch = zirka 5 Wochen) eine Kamera in den Markt, die gegenüber den genannten nicht nur spiegellos ist, sondern das Zeug hat, diese auch spurlos in die Atmosphäre zu sprengen. Die Sony Alpha 7R II wirft zwar „nur“ 42 Megapixel Auflösung in die Waage, aber sie bringt ein Geheimnis mit, das ihr entscheidenden Vorsprung verschafft.
Hintergrund
Nicht zuletzt wegen dem superschnellen Release der Kamera ist der Hype um die neue A7 derzeit extrem groß. Eine unglaubliche Masse an Leuten interessiert sich dafür und wer von ihnen sie sich nicht leisten kann, träumt von ihr.
Mir wurde das Teil das vor ein paar Wochen in London vorgestellt. Allzu viel gab es da noch nicht zu entdecken – die Geräte waren noch nicht ganz fertig. Kürzlich gab es nochmal eine Präsentation in einem Box-Club in Berlin, bei der auch das Fotografenduo Krolop & Gerst vor Ort waren (die einige von euch sicher kennen) und man die Kameras endlich ausprobieren konnte.
Ich sage übrigens absichtlich „die Kameras“, denn im Schatten der A7R II veröffentlichte Sony noch zwei weitere Geräte: die Bridge RX10 II und die Premium-Kompakte RX100 IV. Das sind ebenso spannende Teile und zusammen pflügen sie verheerend in den Markt. Denn sie haben eine Gemeinsamkeit: den umgebauten Sensor.
Das wirklich entscheidende Merkmal der neuen A7 (und auch der anderen) ist nicht die horrende Auflösung, sondern der neu gestaltete Sensor. Normalerweise werden bei einem solchen mehrere Schichten übereinander gelegt: zuoberst die Linsen, die das Licht sammeln, dann die Leiterbahnen. Sie bedecken nicht die ganze Fläche, sondern lassen Lücken, durch die das Licht hinunter zu den Dioden, den Pixeln gelangen kann.

Diese beiden letzten Schichten hat Sony einfach vertauscht und die Leiterbahnen aus Kupfer hergestellt. Das verschafft der neuen Sensorarchitektur gleich zwei Vorteile: erstens gelangt mehr Licht auf die Pixel, da es nicht durch die Lücke der Leiterbahnen muss. Zweitens liefern die Kupferdrähte eine schnellere Datenübertragung und liegen näher am Prozessor. Die Folge: Der Sensor ist lichtempfindlicher und kann um ein vielfaches schneller ausgelesen werden.
Der RX10 II verschafft das beispielsweise beeindruckende Fähigkeiten: Mit ihr kann man Super-Zeitlupenaufnahmen von bis zu 1.000 beeindruckenden Frames pro Sekunde in nahezu Full-HD-Auflösung aufzeichnen. Doch dazu in einem anderen Artikel mehr. Was es der A7R II an Vorteilen verschafft, sehen wir im folgenden…
Eindruck
Vorweg: Auch wenn sich die Ausstattungsmerkmale jeder Normalknipser wünschen würde – die A7R II ist für die Hände von Profis entwickelt. Nahezu das gesamte Look-and-Feel schreit danach.
Äußerlich unterscheidet sich die Kamera allerdings gar nicht so sehr von ihren Geschwistern. Spürbar ist, dass der Griffwulst sehr großzügig und das Ding unheimlich angenehm zu tragen ist. Spürbar ist auch das relativ hohe Gewicht. Mit der ersten A7 wollte Sony noch beweisen, wie klein und kompakt Vollformat geht. Sie brachte 474 Gramm auf die Waage. Das neue Flaggschiff kommt auf 582 Gramm. Das klingt nicht nach viel, aber man merkt es. Vor allem, weil das Gehäuse immer noch sehr kompakt, aber eben schwerer ist, wirkt das Ganze um einiges wertiger und massiver.
Ein bisschen „Knöpfchen-wechsel-dich“ hat Sony auch gespielt und zum Beispiel den Startknopf für die Videoaufnahmen verlegt. Er war vielen Anwendern im Weg und wurde angeblich zu oft aus Versehen benutzt. Ansonsten bietet sich das gewohnte Bild: Jede Menge Stellräder, die ähnlich arbeiten wie die einer klassischen SLR. Das Moduswahlrad muss mit einer Mitteltaste entsperrt werden und es gibt mehrere Tasten, die sich frei belegen lassen.
Eigenschaften
Eigentlich sollte ich hier anfangen, aufzuschreiben, was die Kamera nicht kann. Das wäre kürzer.
Also was hat Sony dem neuesten Flaggschiff mit auf den Weg gegeben? Über die neu gestaltete Sensorarchitektur habe ich bereits geschrieben. Sony nutzt außerdem ein Verfahren, bei dem der Sensor rückwärtig belichtet wird, um ihn noch empfindlicher zu machen. Derzeit ist es der einzige seiner Art. Untergebracht hat man auf ihm mächtige 42 Megapixel. Wie das im Größenvergleich ausseht, könnt ihr hier in meinem Artikel zu einem 5DS-Bild sehen.
Das „R“ im Namen der Kamera verweist auf des Weglassen des Tiefpassfilters. Dies soll eine maximale Schärfeausbeute garantieren. Weil dank der extrem hohen Auflösung jegliche Vibrationen unscharfe Bilder bedeuten können, hat Sony noch weitere Anpassungen vorgenommen. So ist der auf 500.000 Auslösungen ausgelegte Verschluss vibrationsarm aufgebaut und die Kamera bekam einen Silent-Modus spendiert, bei dem nur ein elektronischer Verschluss genutzt werden kann. In der Praxis ist das ein bisschen unheimlich – die Kamera macht tatsächlich nicht das winzigste Geräusch, erfasst aber Bilder mit maximal 1/16.000 Sekunde Verschlusszeit.

Natürlich hat die Kamera auch einen fünfachsigen Bildstabilisator integriert. Schraubt man ein Objektiv mit eigenem Stabi an und die Kamera kennt es, dann werden dessen Achsen genutzt und um die erweiterten Möglichkeiten innerhalb der Kamera ergänzt. Übrigens ist Sony auch sehr stolz darauf, die meisten Messungen und Anpassungen auch mit Drittobjektiven und Adaptern zu ermöglichen. In Berlin hatte ich eine brachiale A7R II in der Hand, an die via Adapter ein Zeiss Otus 1.4/85 gesetzt war. Das Objektiv ist manuell, die Fokussierung unterstützt die Kamera aber mit Sucherlupe, Zebramuster und Fokus-Peaking. Kurz gesagt: die Bedienung ist ein Kinderspiel und die Bildqualität lässt einen in Tränen ausbrechen.
Der elektronische Sucher ist daran natürlich nicht ganz unschuldig – die 2,3 Mio. Bildpunkte der OLED-Lösung sehen hervorragend aus und bieten neben der 100-Prozent-Bildfeldabdeckung auch eine Suchervergrößerung von 0,78-fach, was derzeit weltweit einzigartig ist. In der Praxis heißt das, das man fast mit den Augen rollen muss, um den gesamten Bildschirm im Sucher erfassen zu können. Wer das nicht will, nutzt ansonsten den Monitor, den auch bei dieser Kamera Sony vorbildlicherweise klappbar angebracht hat. Wenn wir schon bei den Extras sind: Wifi und NFC sind auch an Bord.
Kleine Details erfreuen darüber hinaus den Anwender. Ich erwähne es immer mal und muss es auch bei der neuen A7 tun: das Ding frisst Strom wie eine verdurstende Kuh das Wasser schlabbert. Den Akkustand kann man sich als Prozentanzeige darstellen lassen und anschließend beim weniger werden fast zuschauen. Das ist natürlich vor allem im Video-Einsatz äußerst lästig. Darum hat Sony rumgeschraubt und so lässt sich die Kamera jetzt auch mit Dauerstrom befeuern. Sehr cool.
Interessant auch, dass man so viel Wert auf Copyright-Belange gelegt hat. Von Fotografen wurde gewünscht, die Urheberinformationen direkt in der Kamera eingeben zu können. Das geht jetzt ausführlicher als zuvor und wird auch im Display eingeblendet. Eine andere, von Fotografen gewünschte, Funktion war es, mit der automatischen ISO-Wahl eine minimale Verschlusszeit kombinieren zu können (maximale Lichtempfindlichkeit ist übrigens ISO 102.400). So kann man der Kamera abgewöhnen, Belichtungskompromisse einzugehen, die zu verwackelten Bildern führen. Extrem kleiner aber enorm nützlicher Kniff.
Performance
Langschweifige Ausführungen zur Bildqualität schenke ich mir hier, ihr könnt die Fotos ja selbst betrachten und findet unten einen Link zu den vollaufgelösten Bildern. Einige Fakten, die ich immer wiederhole, seien euch grundlegend aber auch hier reingezimmert: Die Sony-Sensoren (und damit auch Nikon-Kameras) übertreffen in Sachen Dynamik und Rauschverhalten alles, was ich von der Konkurrenz kenne. Da kommt einfach niemand heran. Das gilt also auch für die A7R II, der man die gewaltige Auflösung der Fotos fast nicht anmerkt – weder in einem Verlust der Bildqualität noch in Sachen Arbeitsgeschwindigkeit.
Und damit kommen wir direkt zu einem der Hauptmerkmale der Kamera, das so prominent eigentlich gar nicht beworben wird. Die neue Sony ist schlichtweg das schnellste Stück Kamera, das ich jemals in der Hand hatte. Die brachialen Doppelprozessoren der Nikon D4 und Canon 1D-Modelle verarbeiten die Datenmengen zwar schneller, aber nichts kommt an den Autofokus der neuen A7 heran. Das Teil ist einfach verflucht schnell.
Ganze 399 Sensoren tasten das jeweilige Motiv ab, nutzen eine hypbride Mischung aus Phasen- und Kontrastmessung. Zwar decken die Sensoren „nur“ 45 Prozenten des Sichtfeldes ab, doch laut Hersteller ist selbst das mehr als bei jeder anderen Kamera. Schaut man durch den Sucher, sieht man eine Person durch das Bild laufen, über die haargenau die kleinen Quadrate des Autofokus flackern. Sie machen jede Bewegung in Echtzeit mit – sowohl seitlich als auch in der Tiefe. Und nebenbei erkennt die Kamera auch noch Gesichter und markiert diese (bis zu acht Stück gleichzeitig). Laut Sony arbeitet das System (auch durch die höhere Auslesegeschwindigkeit des Sensors) rund 40 Prozent schneller als vorhergehende Lösungen.
Natürlich macht sich der schnelle AF auch bei Videoaufnahmen bemerkbar. Ohne selbst nachzuregeln oder den Auslöser zu drücken, fokussiert die Kamera ständig nach und gelangt in Sekundenbruchteilen von weit entfernten Motiven zu nahen, um sie scharfzustellen. Und das wohlgemerkt ohne, dass ich ausdrücklich anvisiert habe, was ich fokussieren will.

Ich bleibe bei der Videofunktion, denn die ist in der neuen A7 eine extrem wichtige Komponente. Der Premium-Kompakten RX100 IV hat man dank des neuen Sensors High-Speed-Videoaufnahmen spendieren können. Heißt: sie zeichnet bis zu 960 Bilder pro Sekunde und damit eine 40-fache Zeitlupe auf. Ähnliches beherrscht auch die RX10 II, die noch ein kleines bisschen schneller ist.
Die meisten haben jetzt erwartet, dass die A7R II das auch kann – immerhin baut sie auf der gleichen Sensor-Prozessor-Architektur auf. Sony hat jedoch darauf verzichtet, ihr das mitzugeben und konzentriert sich stattdessen ganz auf die 4k-Videoaufzeichnung. Und das ist eine gute Sache, denn das beherrscht sie damit unheimlich gut.
Wie ein Film aus einer A7-Kamera aussieht, könnt ihr auf den ganzen Videoportalen nachschauen. Ich selbst habe erst kürzlich einen gepostet, der ohne zusätzliche Beleuchtung nur bei Mondlicht gedreht wurde. Ein 4k-Beispielvideo der brandneuen 7R II findet ihr hier. Die Kamera zeichnet Videos in zig Formaten und Größen auf – Maximum ist 4k und das professionelle Format XAVC S. Das besondere daran ist, dass die Verarbeitung des Signals mit der extrem hohen Bitrate von 100 Mbit/s direkt in der Kamera stattfindet. Anschließen eines externen Rekorders ist damit nicht mehr nötig.
Mein technisches Video-Wissen stößt leider schnell an eine Grenze, die die Sony-Kamera bei weitem übertrifft, sonst würde ich hier noch mehr erzählen können. Zum Beispiel, dass die Kamera einen Dual-Modus unterstützt, bei dem man während dem Filmen Fotos machen kann. Oder man überlässt es der Kamera, die Szenen erkennt. Darum schwenke ich noch einmal schnell zur Foto-Performance um: Der mechanische Verschluss schnippelt mit den bei Profi-Geräten üblichen 1/8.000 Sekunde durch die Wirklichkeit und die Kamera nimmt dabei bis zu fünf Bilder pro Sekunde auf. Das ist wiederum keine Profi-Leistung, betrifft aber auch Bilder in voller Auflösung. Und die haben im Raw-Format mal eben rund 42 Megabyte. Das sind dann also etwa 210 Megabyte, die von der Kamera durch die Schaltungen gepresst und auf die Speicherkarte gelötet werden.
Diese muss auch wirklich flott sein, denn die Kamera ist es. Ich hatte mehr als einmal die Situation, in der die Kamera kompromisslos zum Dauersprint ansetzte und sich die Bilder auf die Karte hämmern wollte, aber dann die Puste ausging, weil das Ding nicht mit dem Speichern hinterher kam.
Fazit
Seit die ersten Gerüchte über eine superhochauflösende Sony-Kamera im Netz auftauchten, war jeder gespannt auf das, was da kommen würde. Natürlich steigerte sich damit die Erwartung und die Begeisterung auf ein Maximum. Jetzt, wo ich die Kamera insgesamt drei mal in der Hand hatte, muss ich sagen: Das Teil macht einfach höllisch Laune.
Sony hat hier ganz unscheinbar einen großen Schritt nach vorn gemacht, das merkt man dem Gerät (fast) an jeder Stelle an. Während Canon mit der neuen 5DS sehr plump mit der Megapixel-Keule zugeschlagen hat, wurde die A7R II sinnvoll erweitert, bietet mal eben extrem hochauflösende Bilder und ein viel kompakteres Gehäuse und dazu noch eine endlich mal wieder innovative Architektur, die echte Vorteile schafft.
Ich liebe meine Nikon D800. Ein robustes, griffiges, zuverlässiges, hochauflösendes, rundum tolles Arbeitstier. Ich hatte mich in sie verliebt und mir fast eine Niere weggespart, um sie zu bekommen. Ich mag die SLR-Klasse. Ich stelle fest, wie ich Nikon in Schutz nehme, wenn jemand was schlechtes drüber sagt.
Aber.
Die Sony Alpha 7R II ist die erste CSC, die meinen Stolz bricht und ich als Überlegen anerkenne. Gut gemacht, Sony.
Mehr!





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