„Aber für die Vollformat-Fotografie muss es dann doch eine klassische Spiegelreflexkamera sein.“ Ab sofort nicht mehr. Es war Sony, die den nächsten logischen Schritt zuerst gegangen sind und einen VF-Sensor in eine spiegellose Systemkamera eingebaut haben: in die Sony Alpha 7(R).
Wie sich das anfühlt, erfahrt ihr in diesem Bericht.
Seit mindestens diesem Jahr müssen sich die Kamerahersteller immer mehr einfallen lassen, um die hergestellten Kameras ihrem Zweck zuzuführen: verkauft zu werden. Der Druck auf kompakte Digitalmodelle wird seitens der Smartphones immer stärker. Viele reagieren mit Premium-Kompakten (Fuji), winzigen CSCs (Panasonic) oder Profi-CSCs (Olympus), um dem Markt noch etwas abzugewinnen. Andere probieren etwas spielfreudiger aus. So zum Beispiel Sony.
Das Unternehmen veröffentlichte unter anderem die RX1, eine Kompakte mit 24-Megapixel-Vollformatsensor zum lächerlichen Preis von rund 3.000 Euro. Sehr gute Bildqualität aber der Sinn und Nutzen war – gelinde gesagt – umstritten. Modelle wie die RX100 II pegelten das herunter und sind durchaus attraktiv. Dann wagte sich Sony in eine weitere neue Kameraklasse mit den QX-Modulen, die als Ergänzung zu Smartphones gedacht sind. (Werde ich hier demnächst genauer vorstellen). Und nun reißt das Unternehmen schon wieder eine Grenze zwischen den Kameraklassen ein. Die Sony Alpha 7-Modelle sind die ersten spiegellosen Systemkameras mit Vollformatsensor.
Eindruck
Die Alpha 7-Modelle scheinen einmal kreuz und quer durch Sonys Produktportfolio geworfen zu sein und haben von allem etwas behalten. Doch wohin steckt man die Kameras eigentlich? Das Gehäuse ähnelt weniger den aktuellen CSC-Modellen der NEX-Serie denn den kompakten RX-Kameras. Ein ausgeprägter Sucher-Buckel vermittelt SLR-Eigenschaften, doch trotz der Alpha-Bezeichnung gehört sie auch nicht in Sonys SLT-Riege. Um es einfach zu machen: Sony hat schlicht eine neue Kameraserie begründet, was auch an den tatsächlichen Produktnamen zu erkennen ist: ILCE-7 und ILCE-7R.
Und noch eine Besonderheit gibt es: Nämlich die gleiche Kamera in leicht unterschiedlichen Konfigurationen. Die Alpha 7 als solche ist das Startmodell der neuen Kameraserie. Sony hat allerdings ein Zwillingsmodell an den Start gebracht, das treu dem aktuellen Trend und entsprechend auch dem üblichen Wahnsinn entspricht. Während die Alpha 7 (ILCE-7) mit einer Auflösung von 24,3 Megapixel daher kommt, besitzt die 7R (ILCE-7R) mal eben schlappe 36,4 Megapixel Auflösung und einen fehlenden Tiefpassfilter, um die Schärfeleistung zu maximieren.
Einen VF-Sensor in die spiegellose Systemkamera zu packen, ist ohnehin schon eine Kampfansage. Die in dem Bereich üblichen 24 MP sind keine Überraschung, aber eine Sensorkonfiguration in das kompakte Gehäuse zu kloppen, die dem Grundprinzip der Nikon D800E entspricht, kleiner ist und etwas weniger kostet, ist dann doch eine gewagte Dreistigkeit. Netter Zug, Sony! Wenn die neuen Alphas wirklich gut sind und sich verbreiten können, dann bringt das Unternehmen nicht nur den CSC- sondern auch den SLR-Markt ordentlich ins Strudeln.
Ich will ehrlich sein: Wie viele von euch wissen, besitze ich selbst eine D800. Bin irre stolz, bewahre sie auf einem Schrein auf und hatte mir den linken Arm dafür abgeschnitten, um sie mir zu leisten. Die Nikon ist auf der ganzen Welt unter ambitionierten- und Profi-Fotografen als handliches und robustes Werkzeug mit enormen Auflösungsreserven verbreitet. Und jetzt pinkelt Sony an Nikons Baum und schickt einen harten Konkurrenten ins Feld. Ich hatte die Wahl zwischen der Alpha 7 und der Alpha 7R. Und hey, natürlich wählte ich die 7R um zu sehen, was sie so drauf hat.
Eigenschaften
Auf die technischen Details möchte ich an dieser Stelle gar nicht so genau eingehen, denn die kann man hier nachlesen und eine ausführliche Beschreibung würde die meisten von euch wahrscheinlich vor Langeweile töten.
Damit ihr wisst, welche Kamera ich denn nun in der Hand hatte, sei erwähnt, dass das Testgerät einen 35-mm-Kleinbildsensor, also Vollformat, hatte, der mit einer Auflösung von 36,4 Megapixel bestückt ist und auf einen Tiefpassfilter verzichtet. Dieser Filter liegt für gewöhnlich vor den Fotodioden eines Sensors und sorgt dafür, dass sehr feine Strukturen in Motiven sich nicht mit der linearen Anordnung der Pixel überlagern und so Moiré-Effekte entstehen lassen. Dabei sorgt der Filter allerdings auch für eine minimale Weichzeichnung, wodurch der Sensor gar nicht die maximal mögliche Auflösung bringen kann. Lässt man den Filter weg, steigt die Gefahr der Moiré-Bildung, aber es steht auch potentiell die maximale Auflösung zur Verfügung.
Eine Freude für Spielkinder unter den Fotografen sind mal wieder die Funktionen und Einstellungen der Kamera. Sony-typisch überflutet die Alpha den Anwender mit Einstellungsmöglichkeiten. Man kann alles mögliche separat festlegen, daneben gibt es sogar ein eigenes und übersichtliches Menü für WLAN- und NFC-Funktionen sowie zum Installieren von Apps. Nein, ich habe mich nicht verschrieben – zusätzliche Anwendungen kann man auf der Kamera auch installieren.
Noch eine Besonderheit ist der Sucher. Neben dem klappbaren LCD verfügt die Alpha 7R über einen elektronischen Sucher mit hoher Auflösung. Ich selbst mag (immer noch) das puristische Gefühl eines optischen Suchers, aber die Infos, Anzeigen und Qualität des elektronischen Sucherbilds haben schon etwas für sich. Die Kamera kann zwischen Sucher und LCD per Sensor automatisch umschalten. Macht man das manuell, kann es allerdings verwirrend sein. Ich hatte etwa beim Test den LCD abgeschaltet, bin aber davon ausgegangen, dass Bilder beim Betrachten im Wiedergabemodus trotzdem angezeigt werden. Denkste. Die Fotos wurden im Sucher eingeblendet! Bis mir das klar wurde, hatte ich schon zwei bis drei Gedanken an eine defekte Kamera verschwendet. Auf jeden Fall ist es ungewohnt, denn hat man den LCD manuell deaktiviert, wird er wirklich gar nicht mehr benutzt. Selbst Menüs werden dann im Okular eingeblendet.
Performance
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir eine Sony-Kamera kaufen würde, aber ich muss zugeben: der Spaß-Faktor ist schon sehr hoch. Neben dem Rumspielen mit den vielen Funktionen ist die Informationswiedergabe allerorten exzellent und auch Video können Sony-Geräte sehr sehr gut.
Die Alpha 7R übertrifft viele spiegellose Systemkameras und kann viel, was DSLRs auch können. So schafft sie es zum Beispiel auf eine rasante Verschlusszeit von 1/8.000 Sekunde, nimmt aber „nur“ 1,5 Bilder pro Sekunde in Serie auf. Während sie also nicht auf die fetten Prozessoren einer SLR zurück greifen kann, versucht sie, mit Funktionen zu punkten. Programme wie „Panorama“ können diese nämlich nur sehr selten und kaum ein Konkurrent so gut wie Sony. Die Alpha 7 löst man aus, zieht sie mit freiem Arm über den Horizont und hat Sekunden später das fertige Bild im Speicher. Erstklassig.
Um noch einmal auf den fehlenden Tiefpassfilter und den potentiellen Moiré-Effekt zurück zu kommen. Erstmals hat diese Konfiguration Nikon bei der D800E angeboten und die Skepsis war groß, auf allen Bildern unschöne Rastereffekte sehen zu können. Wie sich gezeigt hat, ist die Gefahr gar nicht so hoch und sollte es doch mal vorkommen, kann eine Nachbearbeitung per Software es fast immer ausbügeln. Die Nikon D7100 wurde dann bereits serienmäßig ohne Tiefpassfilter ausgeliefert.
Dasselbe Bild zeigt sich bei der Alpha 7R: Es ist schon gar nicht einfach, Moiré-Effekte zu provozieren, selbst bei einem filterlosen Sensor. Ich behaupte sogar, dass dies bei der normalen Fotografie fast überhaupt nicht negativ auffällt. Wer also nicht das Gefühl hat, dass ihm ohne Tiefpassfilter etwas fehlt, bekommt mit der 7R eine enorm potente Kamera mit beeindruckender Auflösung und sehr hoher Schärfe an die Hand. Gleichzeitig sei aber auch gewarnt.
Viele Leute, die eine Kamera mit einer solchen Auflösung nie ausprobiert haben, wissen das nicht. Aber wie ich inzwischen aus Erfahrung weiß, ist es gar nicht so einfach, scharfe Aufnahmen zu bekommen. Wie auch bei der D800 verzeihen die 36 Megapixel keine Fehler. Die kleinste Verwacklungsunschärfe ist aufgrund der extremen Detailfülle sofort zu sehen. Da die D800 so schwer ist, kann man mit der Hand gut gegenwirken, die Alpha 7R jedoch ist um ein Vielfaches leichter und macht so auch zitternde Handbewegungen mit. Etwas schade, dass kein Bildstabilisator eingebaut ist, der muss nämlich vom Objektiv geliefert werden.
Spiegellose Systemkameras müssen kompakt sein, so die Hersteller. Die Alpha 7er nehmen sich da nicht aus. Das Gehäuse ist zwar eine Verbindung zwischen klassischem SLR-Design und eleganter Kompaktkamera, aber eben auch recht klein dimensioniert. Großartig für die begabten Hände einer zierlichen Fotografin aber mir schon etwas zu klein. Vor allem habe ich den Griffwulst gerne wuchtig; bei der Sony ist er im Verhältnis zum Gehäuse okay, wirkt aber auch etwas angeflanscht. Eine Sache noch, die mir ungewohnt auffiel: die Alpha ist laut. Nun, sie summt und quietscht nicht gerade, doch der Schlitzverschluss beim Auslösen will definitiv großen SLR-Geschwistern nacheifern und ist ungewöhnlich laut zu hören. Gerade so, als wird im Inneren ein Negativ mit einer Klinge durchtrennt. Kann man sich dran gewöhnen, fiel mir aber schon auf. Vielleicht, weil die Kamera sonst keine Geräusche macht.
Fazit
Da ist im letzten Abschnitt durchaus einiges negatives zusammen gekommen, was aber keinen falschen Eindruck erwecken soll. Die Sony Alpha 7R ist eine unheimlich spannende Kamera und bringt den Markt an CSCs hoffentlich nochmal so richtig in Fahrt. Noch nie hat man eine dermaßen hohe Auflösung in solch einem kompakten Format zur Verfügung gehabt.
Das Bedienkonzept erscheint mir nicht ganz so auf Professionalität ausgelegt, wie etwa bei der Olympus OM-D E-M1, doch gerade das kommt Einsteigern und ambitionierten Fotografen entgegen. Einsteiger wird vermutlich der Preis abschrecken, aber dennoch sind rund 2.100 Euro für das Gehäuse der 7R eine Kampfansage.
Ist die neue Alpha jetzt eine Konkurrenz für die SLR-Klasse und im speziellen die Nikon D800? Jein! Die Sony fordert etwas (und auch hier spreche ich aus Erfahrung), das Fotografen bei jeder Kamera mit diesen Ambitionen begegnet: verdammt gutes Zubehör. Die Alpha 7R will mit schnellen Speicherkarten und erstklassigen Objektiven bestückt werden. Im Test stand mir ein Zeiss-Objektiv zur Verfügung und diese Kombination treibt einem die Tränen in die Augen. Ein 300-Euro-Objektiv aus der Sony Alpha-Reihe per Adapter an die 7R wäre eine wahre Schande.
Der nächste Punkt: Die Nikon D800 ist ein brutales Arbeitstier, das auch unter (nicht zuletzt physischer) Belastung großartige Bilder liefert. Die Sony dagegen ist elegant und verspielt; ich kann mir nicht vorstellen, sie in den Händen eines Konfliktfotografen zu sehen. Ansonsten ist sie innovativ und für den regulären Gebrauch vermutlich eine interessante Alternative für jemanden, der nicht von spiegellosen Systemen abweichen, aber dennoch zum Vollformat aufsteigen will.
Mehr! Die Bilder oben in Originalauflösung kann man sich hier anschauen. Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden. Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.




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