Einkaufschaos: Der Wahnsinn in ihren Augen…

Heute ist ja Feiertag. Wer heute aber eine ruhige Kugel schiebt und nichts besonderes aus dem Tag macht, dem kann ich es auch nicht verdenken. Wenn es ihnen so geht, wie mir, dann müssen sie sich erstmal von gestern erholen. Ich habe den Fehler gemacht, gestern noch für das Wochenende einzukaufen. Oder besser: Nahrung zu jagen…

Dummgläubig wie ich war, habe ich nicht mehr daran gedacht, dass gestern der Tag vor heute ist, sprich: der Tag vor einem langen Wochenende samt Feiertag, an dem die Läden nicht offen haben. Allerdings war ich so ziemlich der einzige, dem das entfallen ist; ungefähr 2,35 Millionen Kasseler hatten daran gedacht und sich auf den Weg in die Läden gemacht. Diese hatten bis 24 Uhr offen, denn auch Kassel selbst hatte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, pünktlich vor dem Wochenende ein „Mitternachtsshopping“ zu veranstalten.

Gegen 20 Uhr habe ich mein Auto gesattelt und bin in die Stadt losgeritten. Ziel war ein Lebensmittelmarkt, zu dem Sarah und ich gern fahren und der für gewöhnlich alles hat, was wir brauchen. Hatte er gestern vermutlich auch, nur keinen Platz mehr auf dem Parkplatz. Direkt davor geht eine zweispurige Straße entlang. Gestern nur noch einspurig, denn die rechte war blockiert von wartenden Autofahrern, die partout nicht aufgeben wollten und eisern ausharrten, um auf den Parkplatz zu kommen. Das ging natürlich erst, wenn ein anderer Kunde sich den Wagen vollgestopft hatte, ihn zwischen den Kassen-Massen durchgeschoben und seine Beute im Auto verstaut hatte. Hat er es dann dank göttlicher Hilfe geschafft, vom Parkplatz runter zu kommen, konnte sich der nächste nachschieben.

Ich hab natürlich den Fehler gemacht, mich für clever zu halten und den zweiten Zugang zum Parkplatz genutzt. Dort stand ich nach 3m zwischen Autos verkeilt, die entweder auf den Parkplatz rauf wollten, runter oder sich einfach nur im Kreis drehen. Andere Leute versuchten, ihr Auto zu befreien, das hoffnungslos verkeilt war, weil inzwischen in zweiter Reihe geparkt wurde. Mit einem Wutschrei der Verzweiflung packte ich meinen Revolver aus, brachte die Hindernisse in meinem Weg mit einem gezielten Schuss auf die Tanks aus dem Weg und schob mir mit dem Auto meinen Weg zurück zur Straße frei.
Zum Glück gibts es noch den ein oder anderen Laden in Kassel.

Nächstes Ziel war ein Einkaufszentrum. Eines von denen, wo man 2.354 Läden in einem riesigen Gebäude zusammen gefasst hat. Entsprechend groß ist der Parkplatz, doch umgekehrt proportional war meine Chance auch hier auf einen freien Platz. Wie ein entschlossener Invasor brach ich also zwischen die parkende Blechlawine, blendete alle Konkurrenten mit meinem Fernlicht und hupte panisch eine Familienkutsche aus dem Weg, um mir den letzten Platz zu schnappen, der noch frei war. Rausklettern aus dem Auto musste ich aus der Heckklappe, weil ich das Auto so zwischen zwei Sonntagsfahrer geklemmt hatte, dass ich die Türen nicht mehr aufbekam.

Am Eingang zum Einkaufszentrum sind diese riesigen Drehtüren, in die fünf bis sechs Leute gleichzeitig reinpassen, sich aber mit quälender Langsamkeit drehen und stoppen, wenn man einer Trennwand zu nahe kommt. Gottseidank hatte jemand daran gedacht, noch eine Tür daneben zu öffnen, so entkam ich dem Bündel an menschlichen Erstickungstoten, die sich mittlerweile in der Drehtür angesammelt hatten.

Und wenn das noch nicht genug gewesen wäre, veranstaltete Mercedes eine große Messe-/Promotion-/Happening-Aktion im Innern des Einkaufszentrums und schenkte kostenloses Blubberwasser aus, das mit Sekt-Etiketten bedruckt war. Selbstverständlich hielten sämtliche Jäger und Sammler an diesen Stellen inne, um sich mit einem Glas Sekt in der Hand etwas umsonst zu genehmigen. Außerdem konnte man sich dabei kulturell stilvoll zeigen und sich einbilden, mit dem ganzen Chaos umher nichts zu tun zu haben.

Ich hatte mittlerweile einen Baseballschläger aus der Sportabteilung besorgt und prügelte mich durch den fetten Strom schwitzender Leiber, lächerlich lachender Witzbolde und Herzinfarktgefährdeter älterer Menschen. Endlich bei der Lebensmittelabteilung angekommen, vermied ich absichtlich den seitlichen Blick auf die Kassen, was jedoch ein freundlicher Mann neben mir kompensierte, indem er einen gequälten und voller Verzweiflung triefenden „Oh neeeee“-Stöhner abließ. Ich musste seinem Blick nicht folgen, um zu wissen, dass dermaßen viele Leute an den Kassen standen, wie Autos draußen auf dem Parkplatz.

An meinen Einkaufszettel geklammert, prügelte ich mich nochmals um einen Einkaufskorb. Ich konnte einen ergattern, musste allerdings damit leben, dass der Arm des vormaligen Besitzers noch daran hing, da ich ihn abgebissen hatte. Allzu lang war meine Liste nicht und reihte ich mich tapfer in die Schlange der Menschen ein, die sich durch die Ladenregale wand. Wer diese langen Förderbänder von Flughäfen kennt, weiß, wie das Ganze ausgesehen hat.

Man müsste ja meinen, dass sich eine gewisse Dynamik einstellt und die Leute auf der rechten Seite in den Laden rein und auf der linken Seite in der Gegenrichtung unterwegs sind. Die Gesetze der Eigendynamik gelten allerdings nicht an Tagen wie gestern, musste ich feststellen. Sobald ich auf die andere Seite wechselte, um schneller voran zu kommen, drehten sich 892 Leute synchron um und bewegten sich plötzlich in meine Gegenrichtung. An Durchkommen war nicht zu denken, die Menschen drängten sich inzwischen so eng, dass man der ganzen Masse einen einzigen Namen hätte geben können. Den in die Menge gerufen, hätten vermutlich auch alle drauf reagiert.

Konnte man die Leute wie siamesische Zwillinge trennen, so fanden sich darunter die üblichen achtköpfigen Familien, die zwei Einkaufswagen gleichzeitig durch die Reihen schoben – natürlich nebeneinander, denn man wollte sich ja unterhalten. Gut, von deren Kindern weiß man eh, dass sie unkontrolliert kreischend umher rennen und niemals schauen, wohin sie rennen. Ich hielt meinen Einkaufskorb mittlerweile auf Hüfthöhe, um wenigstens einige der ungewöhnlich harten Kinderschädel abzublocken, die mich permanent anrempelten. Dann sind da noch die älteren Personen, die mit auf den Rücken verschränkten Armen durch die Gänge schleichen, was vergessen haben, plötzlich stehen bleiben und die Richtung wechseln. Blinde Flecken oder Scheuklappen vorausgesetzt, scheinen die gar nicht wahrzunehmen, dass sie nicht allein im Laden sind.

Meine Einkaufsliste gestaltete sich nach und nach immer kürzer. Eier? Fehlanzeige. Beim Brot konnte ich mich auf das vorletzte Exemplar werfen, den Käse musste ich gegen eine wütende Familienmutter verteidigen, die Schaum vor dem Mund hatte und beim Schweinefleisch kam ich schlicht zu spät – nichts mehr da. Sämtliche Regale waren mindestens zur Hälfte leer. Die Leute kauften sogar Dinge, die nie jemand brauchen würde. Und davon natürlich die doppelte Menge.

Ich tat also das einzig vernünftige: ich kletterte auf eine Kühltruhe, breitete die Arme aus und warf mich samt meinen Einkäufen auf die Menschen, die sich wie zuviele Kühe in einem zu engen Gatter durch die Reihen quetschten. So wurde ich langsam in Richtung der Kassen getragen. Zwanzig Kassen waren offen und an jeder stand eine Schlange, die fast bis hinaus auf den Parkplatz reichte. Ich erwischte glücklicherweise eine Kasse, an der eine der Kassiererinnen nicht erst überprüfen musste, ob der Kunde mit seinen 15 Waschmittelpackungen nicht die „Abgabe in handelsüblichen Mengen“ überschritt. Als ich endlich dran war, hatte ich mich der Milch schon entledigt, da diese während der Wartezeit schon flockig geworden war. Der Kunde hinter mir nahm sie danken an, denn er hatte den Käse vergessen.

Über meinen Weg nach draußen hülle ich mich besser in Schweigen – es war mittlerweile 21:30 Uhr und die schreienden und schwitzenden Leiber waren inzwischen von Sekt angeheitert und trugen einen wahnsinnigen Blick in den Augen, der sich in meinen Verstand bohrte, weil ich zwischen ihnen hindurch wollte. Ich spritzte ihnen die superscharfe Soße vom Chinesen um die Ecke in die Augen und schob mich nach draußen.

Richtig spaßig sollte dann der Heimweg werden, denn die Leute machten ihrem Einkaufsfrust mit ihren Autos Luft, von denen sie anscheinend fest überzeugt waren, dass deren Knautschzone sie dazu berechtigt, die idiotischsten Manöver der Strassenverkehrsgeschichte durchzuführen. Auf dem Weg – oder besser der Schlacht – nach Hause kam ich wieder an dem ersten Laden vorbei. Beziehungsweise blieb ich auf dem Weg stecken, denn inzwischen wollten auch die Leute der Gegenrichtung auf den völlig überfüllten Parkplatz. Rechts stand ein Wagen mit Warnblinkanlage, dessen Motorhaube sich in ein blechernes Kunstwerk aus geknautschtem Chaos verwandelt hatte. Vor mir warteten die Autos in einer Schlange, weil sich eine verzweifelte Frau mitten auf den Strassenbahngleisen festgebissen hatte und auf ihre Chance wartete, sich einen Platz auf dem Parkplatz zu ergattern. Ganz schlaue Fahrer, die ihrer Panikattacke erlegen waren, scherten aus und rasten mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit links an der Schlange vorbei. Auf den Straßenbahngleisen Richtung Problemzone, wo sie lächerlich brabbelnd feststeckten, weil auch hier die Autos die Spur blockierten.

Mir fiel auf, dass ich den wichtigsten Posten meiner Einkaufsliste vergessen hatte: einen Raketenwerfer. So blieb mir nichts anderes übrig, als in das wahnsinnige Gellen der anderen Autofahrer einzustimmen, die Lautstärke meiner Hupe zu testen und mich zentimeterweise vorwärts zu schieben. Als ich den Stau nach geschätzten 2 Äonen hinter mir gelassen hatte, sah ich im Rückspiegel die Scheinwerfer einer heranbimmelten Strassenbahn. Ich machte ein Kreuz und betete voller Dankbarkeit, dass ich der Hölle entkommen bin.



Eine Antwort zu „Einkaufschaos: Der Wahnsinn in ihren Augen…“

  1. Endgeil der Beitrag!
    Und ich verstehe deine Sehnsucht nach Massenmord so gut…wiewohl ich am Freitag einfach vergessen hatte einzukaufen, den samstäglichen Feiertag ebenfalls vergessen hatte und so dem Irrsinn nichtsahnend entkommen war. Ich Glückliche!

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