Arbeitende Rentner – Widerspruch oder Notwendigkeit?

Heute habe ich mich in ein Thema hineinverlesen, das oberflächlich vielleicht Empörung auslöst und den strikten Wunsch nach Änderung auslöst, genauer betrachtet, aber sehr tiefgreifend nach Änderungen in jedem von uns verlangt.

Ausgelöst hat diesen Gedanken ein Spiegel-Artikel zum Thema „Arbeitende Rentner“[1]. Hier werden ältere Menschen porträtiert, die für ihren Lebensunterhalt auch nach ihrem normalen Arbeitsleben schuften müssen, damit sie überleben können. Der Artikel weckt ein ungutes Gefühl in der Magengegend, doch möchte ich kommentieren, dass hier (fast) nur eine Seite der Medaille beleuchtet wird: nämlich jene Rentner, die arbeiten müssen, es aber nicht mehr wollen. Denn es gibt auch jede Menge ältere Menschen, die ihren Job oder das Arbeiten an sich lieben und auch im Renten-Alter noch anpacken möchten.

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass in Deutschland etwas falsch läuft, wenn man sich den Arbeitsmarkt und die darauf verteilten Alter ansieht. Oder sagen wir besser: wenn man sich heutzutage draußen umschaut und sieht, in welchem Alter die Menschen noch arbeiten. Denn der ARbeitsmarkt drückt sich allzuoft nur in Studien und Zahlen aus, auf die man nur in den seltensten Fällen vertrauen sollte.

Die Renten werden immer weniger. Grund dafür ist auch, dass die Löhne immer weniger werden. (Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 liegt Deutschland beim Rentenniveau im Verhältnis zum letzten Arbeitslohn auf dem viertletzten Platz. 39,9 Prozent erhalten deutsche Rentner, griechische Ruheständler kommen im Schnitt auf 95,7 Prozent des letzten Gehalts. [2]) Zu den niedrigen Löhnen kommt im Laufe eines Erwerbslebens noch die Gefahr hinzu, im höheren Alter keinen Job mehr zu finden und dadurch Erwerbszeit einzubüßen. Es ist also hart und wird immer härter, auch noch im Rentenalter zu überleben.

Es bildet sich hier eine verfahrene Situation ab, die immer drastischer wird und den Wunsch nach Änderung hervorruft. Dazu gibt es natürlich viele Ideen, wie Gesetzesänderungen oder Steuerreformen, um den älteren Menschen noch genügend Geld zur Verfügung zu stellen. Doch auch diese Strategie führt in eine Spirale, aus der man irgendwann nicht mehr heraus kommt. Denn Fakt ist, dass durch den demographischen Wandel die Menschen in Deutschland immer älter werden. (Im Jahr 2030 wird fast jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein, prognostiziert das Statistische Bundesamt in einem Bericht von 2007. [3]) Einen Lösungsansatz, bzw. wie dem Problem entgegnet werden kann, setzt ganz woanders an, als man im ersten Moment vermuten mag.

Denn um der schlechteren Stellung von älteren Menschen zu begegnen, ist nicht nur das Handeln von Politikern gefragt, sondern von uns allen. Eine Überschrift aus einem weiteren Spiegel-Artikel formuliert es klar und reformistisch: „Die Dreiteilung in Bildung, Arbeit und Ruhestand ist nicht mehr zeitgemäß“ [4] Denn genau diese eingefahrene Sichtweise auf einen Lebenslauf ist es, die den Unmut gegenüber der Renten-Situation nährt. Wenn wir uns befreien können von dieser Dreiteilung und stattdessen weniger segmentär denken, wird sich auch unsere Einstellung gegenüber dem Arbeiten im Alter ändern. Vielmehr muss Bildung direkt neben der Arbeit stehen. Beide müssen sich abwechseln und gegenseitig Chancen zu einem abwechslungsreichen Berufsleben bieten. Dabei möchte ich jedoch gleich extremen Kommentaren vorbeugen, wie z.B. „Ja genau, lasst doch Kinder schon arbeiten, damit sie sich dran gewöhnen und stattdessen nur noch 4 Stunden in die Schule gehen.“ Das wäre natürlich übertrieben – die Schulbildung muss meiner Meinung nach unangetastet bleiben und für einen möglichst vielseitigen Start ins Berufsleben dienen.

Dennoch muss sich unsere Einstellung gegenüber älteren Menschen grundlegend ändern. Die heutigen Rentner sind allzuoft der Meinung, genug in ihrem Leben geleistet und sich nun verdientermassen erholen zu können. Fakt ist aber, dass dies in Zukunft nichtmehr funktionieren wird, wenn die Mehrheit der Bevölkerung aus Rentnern besteht. Stattdessen müssen Grundlagen geschaffen werden, die ein „lebenslanges“ Arbeiten ermöglichen und dieses auch anerkennen und Stützen. Dazu müssen unternehmensseitige Vorurteile, wie „Ältere (gelten) als nicht mehr lernfähig, weniger produktiv und ausgelaugt“ [5] abgeschafft werden. Aber auch die Einstellung von Rentnern, ihren Lebensabend auf Kosten der jungen, arbeitenden Bevölkerung leben zu können, muss abgelegt werden.

Dieser Artikel springt möglicherweise in großen Sprüngen über ein Thema, dessen man sich detaillierter annehmen muss. Daher empfehle ich die Lektüre von den zwei Spiegel-Artikeln, die mich zu diesen Gedanken veranlasst haben. Hier also noch einmal als Quellenangabe:
Arbeitende Rentner: Malochen bis zum Tod
Alternde Gesellschaft: Experten fordern den Senioren-Arbeitsmarkt



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