Heute morgen bin ich über ein Interview auf Spiegel online gestolpert, mit dem ich mich nicht so recht anfreunden kann. Nicht mit dem Interview an sich, sondern den Aussagen der Befragten. Dabei handelt es sich um eine Bachelor-Studentin an der Fachhochschule in Hof (Bayern).
Seid gewarnt, ich werde wahrscheinlich die meisten ihrer Aussagen auseinandernehmen, möchte aber betonen, dass ich das nicht persönlich meine, sondern lediglich die von ihr vertretene Meinung kritisiere. Ich bin nicht generell gegen ein Bachelor-Studium, ich bin aber gegen das, wie es sich darstellt. Und schon lange bin ich beim Schreiben nicht mehr so sauer geworden :)
Spiegel fragte zu Beginn, warum sie sich für eine Pro-Bachelor-Werbekampagne eingesetzt hat.
Verena Haase: […] Erst vor Kurzem hat ein Bekannter einen Job nicht bekommen, weil er Bachelor-Absolvent ist. Ein Diplomstudent wurde vorgezogen. Spätestens da war mir klar, dass endlich etwas geschehen muss, um den Bachelor-Abschluss in ein besseres Licht zu rücken.
Da hat sie gar nicht mal so unrecht. Grundsätzlich zum Vergleich der beiden Studiengänge. Aber dummerweise vergleicht sie hier Äpfel mit Birnen, denn an Stelle des Betriebes hätte ich auch den Diplomstudenten genommen. Um das ganze aufzuklären: der Bachelor ist lediglich grob mit dem Vordiplom (sozusagen Halbzeit des Studiums) zu vergleichen. Das Diplom selbst erreicht man vergleichbar mit einem hinterher geschobenem Master-Studium. Insofern war der Diplomstudent ungeachtet der Bezeichnung wesentlich besser ausgebildet als der Bachelor-Student.
SPIEGEL ONLINE: Was gefällt Ihnen denn so gut am Studium im Bachelor- und Mastersystem?
Haase: Ich finde gut, dass man schneller fertig ist. Ich mag dieses Trudeln nicht, nach dem Motto: Ich hab jetzt ewig Zeit. Ich bin ein Mensch, der immer Input braucht, daher gefällt mir der strenge Zeitablauf in meinem Studiengang.
Schön, das gilt sie. Aber man kann diese Haltung nicht verallgemeinern. Wer sich mit Lernen und Bildung auseinander gesetzt hat, weiß, dass für viele Menschen ein gewisser Freiraum notwendig ist. Besonders kreative Menschen brauchen einfach Zeit, um zu verarbeiten und nachzudenken. Gerade so entstehen Ideen, auf die man anders vielleicht nicht gekommen wäre. Auf der anderen Seite fällt die Selbstorganisation nahezu weg; ganz wie in der Schule bekommt der Student beim Bachelor ein vorgeschriebenes Maß an Pflichtmodulen vorgesetzt, integriert in einem fast festen Stundenplan. Ich dagegen musste mir meine Stundenpläne stets selbst zusammen stellen und konnte stärker auf meine Interessen achten. Für den Bachelor ist das jetzt Geschichte.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht so, dass man in kürzerer Zeit mit der gleichen Menge Informationen zugeschüttet wird und keine Zeit mehr bleibt, sich richtig damit auseinanderzusetzten?
Haase: Das ist natürlich eine Gratwanderung. Viele Absolventen, die ich kenne, meinen im Nachhinein, dass ein bisschen mehr Zeit nicht schlecht gewesen wäre. Aber was hätten die denn mit dem mehr an Zeit angefangen? Die meisten sitzen dann nicht am Schreibtisch, sondern gehen jeden Abend einen trinken. Das gehört auch zum Studium, aber es muss nicht dauernd sein. Wenn man sich einschränkt, kann man das Studium gut in der verkürzten Zeit schaffen.
Das ist eine bloße Unterstellung, bei der sie wieder von sich ausgeht und das unmöglich verallgemeinern kann.
SPIEGEL ONLINE: […] Wie soll […] eigentlich das Positive an den neuen Studiengängen vermittelt werden?
Haase: […] Auf den zweiten Blick machen wir deutlich, dass der Bachelor kompetente junge Menschen auf den Arbeitsmarkt bringt. Die Prozentzahlen auf den Plakaten unterstreichen, was in einem Bachelor-Studenten steckt und wie viel wir lernen: 100 Prozent Leistungsbewertung, 100 Prozent ab dem ersten Tag.
Hier würde ich mich gern zu einer Diskussion verleiten lassen, was Kompetenz eigentlich heißt. Nebenbei ist das auch einer meiner Kern-Kritikpunkte an dem Bachelor. Es wird gewünscht, dass sie genausoviel lernen, jedoch in kürzerer Zeit. Wie ist das möglich? Ich habe mich dazu mit mehreren Dozenten an meiner Uni unterhalten und in meinen und deren Augen ist das unmöglich. Zumindest nicht in der Qualität, in der wir Magister/Diplom-Studenten uns bewegen. Ein Dozent sagte: „Sie sollen alles mal gehört haben, aber um die Autoren richtig zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten – dafür fehlt den Studenten einfach die Zeit.“
Und jetzt fragt sich für mich: was ist Kompetenz? Alles schon einmal gehört zu haben, doch nichts damit anfangen zu können? Wie wollen wir uns weiter entwickeln, wenn wir die Theorien kennen, sie aber kaum anwenden können und weit davon entfernt sind, sie in Frage zu stellen? Immer wieder verlangte man in meinem Studium: äußern sie Kritik! Geben sie sich nicht zufrieden, stellen sie Fragen! DAS ist meiner meinung nach Kompetenz.
Ich verknüpfe das auch gleich gerne mit einer Behauptung, die Haase gleich im Anschluss aufstellt: der Bachelor sei viel zukunftsorientierter. Auch hier kommt ein klares: von wegen meinerseits. Was ist zukunftorientiert? Der Bachelor zielt lediglich auf einen höheren Output in kürzerer Zeit hinaus. Wozu? Um die Wirtschaft zu stärken, da wir im internationalen Vergleich stark hinterher hängen, was Fachkräfte angeht. Aber wo bleibt dabei die Forschung? Der Fortschritt und die Weiterentwicklung? Ist es zukunftsorientiert, jetzt die Wirtschaft zu stärken und in30 Jahren festzustellen, dass wir nicht mehr klug genug sind, um marode Gesellschaftssysteme von besseren Modellen ablösen zu lassen? Fortschritt ist meiner Ansicht nach auch, Fragen zu stellen und Dinge in Frage zu stellen, die als gegeben dastehen. Und genau dazu hat die aktuelle Bachelor-Generation doch überhaupt keine Zeit mehr.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie meinen, diese Stressphasen kann man drei Jahre am Stück aushalten?
Haase: Bei uns an der Hochschule Hof haben wir im Sommer zwei Monate, im Winter einen Monat Semesterferien. Da ist genügend Zeit sich zu erholen. Und während des Semesters hat man auch nur in den letzten Wochen richtig viel Stress. Dann muss man eben auch mal jeden Tag zehn bis zwölf Stunden durcharbeiten.
Hierbei werde ich so langsam sauer, hat dieses Mädchen denn eigentlich mal wenigstens im Kreis ihrer Bekannten nachgefragt, wie die das sehen oder geht sie bei allem, was sie sagt, nur von sich selbst aus? Bei der Angabe des Zeitraumes hat sie ungefähr recht, dennoch: seit Studienbeginn hatte ich kein einziges Mal Semesterferien, so, wie sie die sich vorstellt. Meistens sogar hatte ich während dieser Zeit mehr Streß als im Semester, dank Ferienjob, Hausarbeiten, Lernen für Prüfungen, ….
Und zehn bis zwölf Stunden durcharbeiten kann niemand. Ich weiß es, denn ich habe es zigmal versucht. Dass so etwas gesundheitlich schädlich ist und Lernpsychologisch genau den entgegen gesetzten Effekt hervorruft ist eine Sache. Die andere Sache ist: gerade im Studium habe ich gelernt, wie man richtig lernt. Es gibt hier Seminare, Dozenten, und tonnenweise Literatur zum Thema, die alle das Gegenteil empfehlen, von dem, was Frau Haase da vorschlägt. Vielleicht sollte sie sich damit mal auseinander setzen.
SPIEGEL ONLINE: Aber viele Studenten können dann die Semesterferien gar nicht ausspannen, sie müssen jobben, um sich das Studium zu finanzieren, oder ins Praktikum.
Haase: Ein Praktikum ist ja nicht immer stressig. Ich habe auch in den Semesterferien als Kellnerin und in Bürojobs gearbeitet. Klar, das ist anstrengend, aber wenn man nach Hause kommt, kann man ausspannen. Außerdem arbeitet kaum einer die ganzen Semesterferien durch.
Stimmt, ist nicht immer stressig. Aber hallo!? Schonmal die einschlägige Literatur zum Thema Praktikum gelesen? Studenten sind billige Arbeitskräfte, denen in den meisten Fällen einen Haufen Arbeit aufgehalst wird. Und zum Thema: wenn man nach Hause kommt, kann man ausspannen. Ich habe mehrmals in einer anderen Stadt in einem Unternehmen gearbeitet. Das bedeutete für mich Aufstehen um 5:30 Uhr, mit dem Zug zur Arbeit, voller Arbeitstag, nach Hause kommen um 20:30 Uhr, was Essen, Duschen, ins Bett gehen. Klingt entspannt oder? Aber stimmt, Frau Haase, kaum einer arbeitet die ganzen Semesterferien durch. Nein, viele müssen sogar während dem Semester arbeiten – davon schonmal gehört?
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Aktionen wie dem bundesweiten Bildungsstreik? Die Studenten haben auch gegen die hohe Arbeitsbelastung im Bachelor-Studium demonstriert und trugen zum Beispiel Plakate mit Aufschriften wie „Ritalin für alle!“ Waren Sie da dabei?
Haase: Also bei uns in Hof gab es das nicht. Da hätte man wohl nach Nürnberg fahren müssen. Aber ich würde bei so was definitiv nicht mitmachen. Ich bin überzeugt, dass man sich hauptsächlich selbst schadet, wenn man auf Bachelor studiert und dann behauptet, dass der eigene Abschluss schlecht sei.
Natürlich gab es in Hof keine solchen Demonstrationen. ich hab mir gerade einmal die Webseite der Hochschule angeschaut und nach den ersten Minuten wird klar: diese Uni kriegt jede Menge Geld vom Land und aus der Wirtschaft. Allein die Existenz von Menüpunkten names „Hochschule und Wirtschaft“, „Leistungskatalog“ und „Unternehmerbörse“ sagt schon einiges zur Orientierung der Schule und Studenten aus. Auch die Auswahl an Fächern und Kursen ist eindeutig Wirtschaftsbezogen.
Und zum zweiten Teil der Aussage: Haases Meinung setzt voraus, dass die Studenten, die Bachelor studieren und sich dann dagegen auflehnen, das freiwillig tun. Aber um die nette Frau mal aufzuklären: es gibt gar keine Wahl mehr! Diese Leute müssen das tun, weil Magister und Diplom abgeschafft werden/wurden/sind. Also bitte keine Verleumdung hier.
Ich möchte damit nicht die Auswahl von Spiegel Online kritisieren, was den Interviewpartner angeht, sondern herausstellen, aus was für einer Umgebung ein Mensch kommt, der jene Aussagen trifft.
An unserer Universität (Georg August Universität Göttingen) hat man sich auch dem Bachelor und Master zu beugen. Aber man stellt Fragen.
[1] Hier noch einmal der Link zum Original-Interview
[2] Und hier einige interessante Forenbeiträge aus dem Spiegel-Forum zum besagten Interview

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