Gastbeitrag: Freundschaftslüge

Ich darf an dieser Stelle ein weiteres Mal eine Abrechnung einen Beitrag von Sebastian vorstellen, der sich diesmal mit dem Thema Freundschaft auseinandersetzt. Mit der Leichtfertigkeit, die manche diesem Begriff zuordnen und dem Fehler, den das darstellen kann. Viel Spaß!

Ich habe seit ein paar Monaten einen neuen Lieblingsausdruck. Er lautet: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde…“ – diese Einleitung zur Beschreibung eines dezidiert unangenehmen Sachverhaltes passt eigentlich auf so ziemlich alles, über das man sich ärgert.

Es gibt sogar im Augenblick einen konkreten Anlass für mich, diesen Ausdruck zu gebrauchen, und ich halte ihn für dem Sachverhalt mehr als angemessen, daher: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die derartig unangemessen, respektlos und armselig sind, dass sie zu beschreiben eigentlich des dem Auskommen zwischen Menschen zugrunde liegenden Respektsgedankens zuwiderläuft. Andererseits: Die Art Mensch, die ich im Folgenden beschreibe, hat aufgrund ihrer Charakterlosigkeit die explizite Nennung verdient.

Ich möchte vorausschicken, dass ich ein sehr inklusiver Mensch bin. Jemand, der sehr leicht und sehr gerne Freundschaften schließt. Das bedeutet nicht, dass ich bezüglich der Wahl dieser Personen nicht wählerisch wäre – im Gegenteil. Aber ich behaupte, dass ich  – generell – sehr gut zwischen Freunden und „Freunden“ unterscheiden kann. Nichtsdestoweniger schlüpfen gelegentlich Charakterschweine durchs Raster. Das Problem dabei ist, dass man diese Spezies Mensch erst dann eindeutig zu identifizieren in der Lage ist, wenn man sie bereits mehrmals (erfolglos) zu eigenen Feiern oder kollektiven Partys von Freunden eingeladen hat.

Generell gesagt begründet sich jeder Kontakt, den man schließt, auf Smalltalk. Das ist ja auch gut und schön. Ohne diese Institution würde man keine Bekanntschaften schließen. Findet man während eines Smalltalks eine andere Person sympathisch, ist man geneigt, den Smalltalk auf eine persönlichere Ebene zu hieven. Um das zu erreichen, müssen beide Parteien mitspielen. Und hier unterscheiden sich Menschen wie ich von Charakterschweinen: Wenn ich die Ebene des Smalltalk verlasse, tue ich das, weil mir an der entsprechenden Person etwas liegt. Ich möchte dann, weil ich diese Person nett und interessant finde, die Grundlage für eine Freundschaft legen. Ob es sich um eine lose oder eine enge Freundschaft handelt, zeigt dann die weitere Entwicklung. Aber diese, ich nenne es mal: Phase II, ist im Prinzip die entscheidende, denn in dieser Phase lade ich, eben um diese Beziehung zu vertiefen und zu eruieren, inwieweit jemand freundschaftlich zu mir passt, den- oder diejenige zu einer Party ein – sei es bei mir zuhause oder eben in der Altstadt Heidelbergs.

Und hier scheiden sich die Geister, denn es gibt generell drei Arten von Menschen: Freunde, Charakterschweine und Nichtinteressierte. Die Menschen der ersten und dritten Kategorie zeichnen sich dadurch aus, dass sie ehrlich sind: Freunde, beziehungsweise solche, die Interesse an mir haben, nehmen die Einladung zu dieser Party an und kommen dann auch. Nichtinteressierte sagen frühzeitig ab, oder sagen mit plausiblen Lügen zwei- bis dreimal ab, so dass ein geistig gesunder Mensch sofort weiß: „Alles klar, der will nicht.“ Charakterschweine hingegen sagen prinzipiell erst einmal zu – aus welchem Grunde auch immer. Ich konzediere sogar, dass Charakterschweine Schwierigkeiten haben, Einladungen abzulehnen, weil sie befürchten, einem wehzutun. Dabei könnte nichts schwachsinniger sein als diese Annahme.

Nein, was das ganze so schlimm macht, ist folgendes: Man freut sich, dass der- oder diejenige zur Feier prinzipiell zugesagt hat, man freut sich über die Teilnahme, man plant entsprechend, man glaubt, das wird wunderbar. Was aber wirklich passiert, ist folgendes:

Entweder, und das passiert meistenteils: Man erhält, nachdem man sie eingeladen hat, keine wie auch immer geartete Rückmeldung, so dass man quasi bis zum Tag der Feier nicht weiß, ob der- oder diejenige kommen wird. Das ist allein schon wegen der Planung bezüglich Alkoholika scheiße, endet aber damit nicht. Denn es ist schlicht und ergreifend eine Frechheit, anzunehmen, dass eine Nicht-Antwort besser sei als eine Absage. Wenn ich an jemandem nicht interessiert bin, wieso sage ich dann nicht wenigstens ab? So hängt derjenige in der Schwebe und weiß gar nichts, freut sich womöglich auf mein Kommen, ohne dass das wirklich jemals passieren würde. Und DAS ist dezidiert armselig – außer, man hat eine perverse Vorliebe dafür, die Erwartungen Anderer zu enttäuschen. Eine Nicht-Antwort ist, generell, sei es nun bezüglich erotisch- oder platonisch-zwischenmenschlicher Ambitionen, das Schlimmste, was man jemandem antun kann. Denn jemanden in der Schwebe zu lassen, obwohl man weiß, man wird dort niemals hingehen, das ist eine bodenlose Frechheit, und asozial nach jeder Definition dieses Wortes.

Mindestens genauso schlimm sind diejenigen, die zwar zunächst zusagen, sich aber hernach eine fadenscheinige Begründung einfallen lassen, nicht kommen zu können. Um Missverständnissen vorzubeugen: Jeder von uns hat sich schon mindestens einmal in seinem Leben einer Notlüge befleißigt. Das tut man unter anderem, um die Gefühle desjenigen, der einlädt, zu schützen. Das ist recht und billig, und ich habe es ebenfalls schon oft genug getan. Aber man sollte schon geschickt lügen, und wenn man lügt, sich vorsehen, dass man nicht eine Lüge präsentiert, die sehr leicht falsifizierbar ist. Insbesondere dann, wenn diese das Desinteresse, das man gegenüber dem Einladenden hat, überdeutlich zutage fördert. Ein Beispiel: Ich hatte einen Freund, den ich schon länger kannte und von dem ich dachte, wir seien seit Berlin gute Freunde, zu einer Grillparty eingeladen. Er sagte zu, dann ab, mit der Begründung, er habe sich beim Sport verletzt und könne nicht längere Zeit stehen. Soweit ist das eine plausible Notlüge.

ABER: Wenn derjenige mir die darauf folgende Woche berichtet, dass er an besagtem Tag in einem Club gewesen sei, TROTZ dieser Verletzung, dann zeugt das von Geringschätzung vor dem Intellekt und der Hingabe des anderen bezüglich einer von diesem perzipierten Freundschaft.

Und das ist es, was mich so sehr ärgert: Lege ich Wert auf eine Freundschaft – gut, ich gehe dabei von mir aus – dann sage ich, wenn ich wirklich nicht kann, ab. Nötigenfalls lüge ich dann auch, wenn ich keinen Bock auf eine Party habe. Aber ich bemühe mich, mit dem- oder derjenigen auch weiterhin Kontakt zu pflegen. Lege ich darauf keinen Wert, dann kommuniziere ich das klar und deutlich – und tue nicht so, als sei ich interessiert. Denn das ist das schlimmste, was man einem eigentlich einem gegenüber freundlich gesonnenem Menschen antun kann!



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