Die Hobbys von heute

Genausowenig wie ununterbrochen geistlose Inhalte im Netz auftauchen, gibt es (zum Glück) auch immer solche, denen sie auffallen. Einer davon ist Sebastian, dessen zweiten Gastbeitrag ich hier präsentieren darf:

Wie man es mittlerweile ja von mir kennt, stolpere ich von Zeit zu Zeit im schillernden, bunten, trendigen, tighten Web 2.0 über Dinge, über die ich so heftig den Kopf schüttle, dass ich danach erst einmal mehrere Aspirin einwerfen muss. Sobald die pochenden Kopfschmerzen ob der überbordenden Stupidität, die manche Benutzer (wobei bei manchen Zeitgenossen, die das Internet mehr heim- als besuchen, „Missbraucher“ angemessener wäre) an den Tag legen, abgeklungen sind, setze ich mich an meinen Laptop und haue in die Tasten. Ich mache meinem Ärger Luft, wohl wissend, dass meine Kritik schon alleine deswegen auf taube Ohren stoßen wird, weil die Rezipienten meines Blogs in der Regel nicht zur Zielgruppe gehören. Dennoch glaube ich, dass so mancher beim Lesen innerlich lächeln und bei sich denken wird: „Das kenne ich doch!“

Bei Social-Networking-Plattformen gibt es solche und solche. Es gibt zum einen Seiten wie Facebook oder Wer-kennt-wen, bei denen sich jeder – man verzeihe mir den englischen Einsprengsel, aber ich finde das Zitat von Schlock Mercenary so treffend, das muss ich einfach auspacken – „brick-witted moron“ anmelden kann. Es gibt mit StudiVZ eine Plattform, die zumindest theoretisch ein intellektuell höheres Niveau anspricht. Die Praxis sieht selbstverständlich anders aus. Und es gibt Xing. Aber das soll uns weiter nicht interessieren. Bleiben wir bei WKW und Studi.

Beim Durchstöbern mancher Profile auf den beiden Plattformen liest man sich natürlich auch die persönlichen Angaben der Leute durch. Was für Musik hört die Person, welche Filme mag sie, und nicht zuletzt: Was sind ihre Hobbys? Haltet mich ruhig für altmodisch, aber ich verstehe unter „Hobby“ etwas, das man in seiner Freizeit macht, um sich zu entspannen, auf andere Gedanken zu kommen oder sich abzureagieren. Die deutsche Entsprechung dieses Anglizismus wäre vermutlich „Freizeitbeschäftigung“. Früher waren das Dinge wie beispielsweise Briefmarken sammeln, Fußball spielen, Singen – heute sind es eher Computer- oder Konsolenspiele, Feiern und sportliche Aktivitäten. Und bevor wir nun zum Kern der Sache vorstoßen, stutzt der aufmerksame Geist bei „Feiern“ als Hobby.

Klar, man feiert vornehmlich in seiner Freizeit. Man verbringt Zeit mit Menschen, die man mag und deren Gesellschaft man genießt (außer, es handelt sich um größere Familienfeiern, da halte ich es für ausgeschlossen, alle zu mögen). Und auch wenn das im weitesten Sinne als „Freizeitbeschäftigung“ aufzufassen ist, ist es ja nicht so, als sage man sich: Hey, endlich Feierabend, jetzt geh ich erstmal zwei Stunden feiern. Täglich. Mit Freunden. Gut, mag als Student gehen. Ist aber finanziell nicht drin.

Doch obwohl sinnentleert und für aufmerksame Zeitgenossen kopfschüttelwürdig – das ist nicht das Hauptzeugnis für die den Köpfen scheinbar immer mehr abhanden kommende Definition von Freizeitbeschäftigung. Nein, was ich meine, ist etwas völlig anderes: Letztens surfte ich also einmal mehr arglos über Profile meiner Bekannten im WKW. Und musste in der Spalte „Hobbys“ folgendes lesen (Zitat): „MEIN SCHATZ“. Nun finde ich es generell und überhaupt schon peinlich genug, wenn frisch verliebte – oder noch schlimmer: schon ewig liierte – Paare so exhibitionistisch wie möglich in die Weite des Netzes hinausposaunen, wie groß ihr Dachschaden doch…ich meine, wie sehr sie sich lieben. Dass die allerwenigsten geistig gesunden Menschen sich ob einer solchen Profilangabe (dass man verliebt ist, sagt schließlich schon die Rubrik „Beziehungsstatus hinreichend aus) für die Person freuen, sondern einfach nur den Kopf schütteln, setze ich jetzt einfach mal voraus, wiewohl nicht jeder, so wie ich, Single ist. Mir gehen solche Bekenntnisse ja erst recht total auf die Nüsse, obwohl ich natürlich jedem sein persönliches Glück gönne, solange sie mich nicht durch allzu aufdringliches öffentliches Aneinander-Herumlecken mit der Nase darauf stoßen. Wobei – das fand ich auch, als ich selbst liiert war, primär: zum Kotzen.

Wie dem auch sei: Wäre ich „DER SCHATZ“ der betreffenden Dame, wäre ich schon leicht angefressen, als „Hobby“ bezeichnet zu werden. Auf einer Stufe mit Fußball, Briefmarkensammeln oder Töpfern. Als sei ich nicht mehr als ein knuffiges Haustier, das man mal streicheln kann und das immer und zu jeder Zeit Spaß bereitet, und nicht ein menschliches Wesen, das trotz aller Liebe sicherlich mehr abverlangt als nur eine Freizeitbeschäftigung zu sein. Und in schweren Zeiten nicht ausschließlich nur Spaß macht.

Klar, manche bezeichnen Sex als Hobby – das könnte man ja noch gelten lassen, schließlich macht Sex: Spaß. Und man frönt ihm in erster Linie in der Freizeit (falls ich jemals das Vergnügen haben sollte, meine Position als Vorgesetzter schamlos für Sex mit meinen zehn Sekretärinnen auszunutzen, nehme ich diese Aussage selbstverständlich zurück). Aber eine Beziehung sollte selbst für die beschränktesten Amöben unserer Gesellschaft doch etwas mehr sein als nur Rumgebumse, egal, wie gut der Partner sein mag.

Außerdem wird man stutzig, wenn man sich folgendes überlegt: Wenn man ein Hobby hat, übt man das so oft wie möglich aus. Gut, Doppelpass alleine macht, das wissen wir seit Lukas Podolski, nicht ganz so viel Spaß, weswegen man Mannschaftssportarten eher selten ausüben wird. Aber jedes Hobby, zu dem man jederzeit Zugang hat, wird man so oft wie möglich ausüben wollen. Das heißt konkret: Keine Zeit, um Freunde zu treffen oder sonstige soziale Kontakte zu pflegen, denn „DER SCHATZ“ als Hobby dominiert ja die Freizeitgestaltung und füllt sie quasi alleine aus.

Wenn man dann „DEN SCHATZ“ als Hobby weiter seziert, stellt man fest: Wenn also derjenige die liebste Freizeitbeschäftigung ist, dann muss für die Dame sicherlich auch das Waschen seiner Unterhosen die höchste aller Wonnen, die unschlagbare Freizeitbeschäftigung schlechthin sein, die sie auf andere Gedanken bringt. Und wenn er nach einem Abend mit seinen Kumpels sterngranatenvoll die Tür hereintorkelt, die kostbare Vase von Omma herunterwirft, auf den Teppichboden kotzt und gerade noch klar genug ist, sie vor dem Einschlafen grobmotorisch anzutatschen, wird sie ganz bestimmt im Siebten Himmel sein – so ein Hobby ist doch tatsächlich wahnsinnig entspannend.



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