Heute habe ich das Vergnügen, einen Gastautor hier im GlassBlog ankündigen zu dürfen. Es handelt sich dabei um Sebastian, der einen frustrierten, aber berechtigten Artikel zur (mangelnden) Kreativität von Internet-Usern geschrieben hat, was ihre Namensfindung in Sachen Nicknames angeht:
Ich bin ja nun schon eine geraume Zeit im Internet unterwegs; mittlerweile dürften es über zehn Jahre sein. Ich bin seit einigen Jahren nicht nur bei Social-Networking-Plattformen wie StudiVZ angemeldet, sondern auch bei Messengern à la ICQ, Skype und, nicht zuletzt, bei einem Spiel: World of Warcraft. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ich im Laufe der Jahre sehr vieles gesehen und erlebt habe.
Nun muss ich gestehen, dass ich mich selbst als Intellektuellen begreife. Das bedeutet, ich weiß kreative Ideen und gute Rechtschreibung im Netz sehr zu schätzen. Wenn ich etwas Lustiges oder Neues sehe, zaubert mir das ein Lächeln aufs Gesicht, und ich zolle damit dem- oder denjenigen, der sich das ausgedacht hat, meinen Respekt. Leider kommt es wesentlich häufiger vor, dass ich kopfschüttelnd vorm Rechner sitze und dem bzw. den Verantwortlichen für etwas besonders blödsinniges fürchterlich gerne mit einem dicken, grob gewebten Seil die Klöten weichdreschen würde (ja, das hab ich mir von „Casino Royale“ abgeschaut, ich gebe es zu).
Besonders häufig zwingt mich World of Warcraft zum Kopfschütteln. Auf meinem Server rennen – und ich bin sicher, das ist auf anderen Servern nicht anders – ungefähr fünfzig Varianten des Nicknames „Leroy“ herum. Warum? Weil es einen Erfolg gibt, der dem Spieler erlaubt, den Zusatztitel „Jenkins“ im Namen zu tragen. Dieser „Titel“ geht zurück auf ein Ingame-Video, in dem während einer Taktikbesprechung ein Typ die Geduld verliert und unter einem lauten „Leeeeeeeroooooy Jenkins“ etliche Mobs pullt. Was natürlich zum Wipe führt. Ich habe das Video vor knapp zwei Jahren gesehen, und fand es damals mäßig lustig. Natürlich wurde es aber von der Community genauso aufgesogen wie die Chuck-Norris-Sprüche, die vielleicht irgendwann mal cool waren, aber mittlerweile nur noch nerven. Weitere unglaublich beliebte und kreative Namen sind Abwandlungen von Gandalf, Miraculix (besonders bei Druiden, versteht sich), Legolas (für Jäger), Gimli (bei Zwergen) und so weiter.
Generell ist es ja nicht verwerflich, eine Roman- oder Filmfigur zum Vorbild zu nehmen. Man sollte aber doch wenigstens einsehen, dass wenn genau der Name, den man selbst haben wollte, bereits vergeben ist, man einen anderen wählen sollte – und nicht eine um einen Akzent oder Buchstaben erweiterte Variation davon.
Noch mehr bekomme ich aber das Grausen bei Gildennamen, bei denen offensichtlich ist, dass der Gildengründer der englischen Sprache entweder nicht mächtig war oder sich keine Gedanken gemacht hat – und sich dann für eine Aneinanderreihung vermeintlich cool klingender englischer Wörter zu entscheiden; zumindest die, die sein limitierter Wortschatz enthält. Heraus kommt dabei beispielsweise so eine Grütze wie: „Shadow Rebels of Eternity“. Übersetzt man sich das mal ins Deutsche, kommt dabei: „Schattenrebellen der Ewigkeit“ heraus. Auch schön: „Doomed Angel of Infinity“ – „Verdammter Engel der Unendlichkeit“. Wann immer ich so einen Schwachsinn lese, habe ich wirklich das Bedürfnis, die Gründer mit dem Oxford Advanced Learner’s Dictionary zu penetrieren.
Ähnlich ist es natürlich bei Messengern, wie eben ICQ oder Skype. Interessanterweise ist beispielsweise mein mittlerweile nicht mehr benutzter Nick „Belisar“ unglaublich beliebt. Und ich gehe jede Wette ein, dass 80% der Leute, die ihn sich ausgesucht haben, keine Ahnung haben, wer das überhaupt war. Weitere äußerst beliebte Nicknames sind außerdem: „Thrawn“ (die wohl coolste Figur, die das StarWars-Universum jemals gesehen hat), „Daywalker“ und noch etliche andere.
Ich schaue ja außerdem sehr gerne YouTube-Ingame-Videos von WoW. Da sind einige wirklich sehr kreative dabei, eines hat Mario ja auf hier im Blog verlinkt. Umso besser sind sie, wenn sie dann auch noch mit passender Musik unterlegt sind. Leider scheint aber mindestens die Hälfte derjenigen, die WoW-Musikvideos veröffentlichen, zu glauben, das einzige, womit man diese Videos treffend unterlegen kann, ist ein beliebiger Track von In Flames. Zugegeben: In Flames machen geile Musik. Und ja, sie passt häufig zu den entsprechenden Videos. Aber nach dem x-ten Video tritt dann auch ein gewisser Sättigungseffekt auf und die Originalität den Bach runter.
Daher mein Appell an die gesamte Online-Community: Wenn ihr euch für ein x-beliebiges Spiel, einen Messenger oder eine Social-Networking-Plattform einen Nickname aussucht, dann geht mal fünf Minuten in euch, raucht eine Zigarette, trinkt ein Bier, schlaft mit eurem Partner, was auch immer, aber nehmt euch die Zeit, einmal intensiv über einen kreativen Namen nachzudenken. Überlappungen sind ganz normal, kein Thema – aber wollt ihr euch wirklich mit einigen tausend Personen Variationen ein- und desselben Namens teilen?

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